Wegbereiter des Friedens

Abbé Franz Stock war auch in ausweglosen Situationen für den Nächsten da

Neheim. Am 24. Februar 1948 starb Abbé Franz Stock in Paris. Der katholische Priester wurde nur 43 Jahre alt. Viele Menschen setzen sich für seine Seligsprechung ein. Denn „Abbé Franz Stock – ist nicht nur ein Name – er ist ein Programm!“, wie Nuntius Roncalli, der spätere Papst Johannes XXIII., bei der Einsegnung des Toten sagte.

Abbé Franz Stock

 

von Matthias Nückel

Der am 21. September 1904 als erstes Kind einer Arbeiterfamilie geborene Franz Stock wurde stark durch den Ersten Weltkrieg und die Folgezeit geprägt. Schon als 12-Jähriger äußerte er den Wunsch, Priester zu werden. Nach dem Abitur studierte er von 1926 bis 1932 katholische Theologie.

Parallel zu seiner religiösen Berufung zum Priester beschloss er, sich für die Völkerverständigung einzusetzen, insbesondere zwischen der deutschen und französischen Jugend. Bereits in seiner Schulzeit schloss er sich dem Bund Neudeutschland und später der katholischen Quickbornbewegung an. 1926 nahm er an einer für ihn prägenden internationalen Jugendbegegnung mit über 10 000 Teilnehmern in Bierville teil.

Ab Ostern 1928 studierte Franz Stock drei Semester in Paris. Dorthin zog es ihn schon zwei Jahre nach der Priesterweihe durch Bischof Dr. Caspar Klein zurück. Im September 1934 wurde Franz Stock Seelsorger der deutschen Gemeinde in Paris. Doch kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges musste er die französische Hauptstadt wieder verlassen.

Die erneute Rückkehr nach Paris erfolgte unter widrigen Umständen. Nach der deutschen Besetzung der Metropole betreute Franz Stock ab Oktober 1940 dort eine deutsche Gemeinde. Als Standortpfarrer im Nebenamt kümmerte er sich ab Anfang 1941 in den Wehrmachtsgefängnissen Fresnes, La Santè und Cherche Midi um die Häftlinge. Zudem musste er die zum Tode Verurteilten auf die Hinrichtung vorbereiten, eine unsagbare schwere Aufgabe.

Die Erschießungen der Verurteilten und Geiseln fanden meist auf dem Mont Valérien statt. In seinem Tagebuch mit Notizen über die Gefangenen und zum Tode Verurteilten erwähnte Stock 863 Erschießungen, bei denen er anwesend sein musste. Kurz vor seinem Tod aber sagte er einem Bekannten, es seien über 2000 gewesen. Zeugnisse Überlebender, Bücher und Filme dokumentieren den aufopferungsvollen Dienst Stocks an den zu Unrecht Verurteilten, seine Menschlichkeit und sein Zugehen auf andere, ohne sich selbst zu schonen. Er hielt Kontakt zu den Familien und übermittelte den Gefangenen Nachrichten. Franzosen gaben Franz Stock die Bezeichnung „L‘Aumônier de l‘enfer“ („Der Seelsorger der Hölle“) und „L‘Archange en enfer“ („Der Erzengel in der Hölle“).

Nach dem Einmarsch von Charles de Gaulle in Paris am 25. August 1944 blieb Stock dort und half im Hospital la Pitié, mehr als 600 nicht transportfähige, verwundete deutsche Soldaten zu betreuen. Als die Amerikaner das Lazarett übernahmen, wurde Abbé Franz Stock amerikanischer Kriegsgefangener.

Trotz stark angegriffener Gesundheit nahm Franz Stock 1945 eine neue Aufgabe an – die Leitung eines Priesterseminars im Kriegsgefangenenlager. Es wurde zunächst in Orléans gegründet, am 17. August 1945 aber nach Chartres verlegt. Dort konnten alle in französischer Kriegsgefangenschaft befindlichen Priester und Seminaristen ihre Studien fortsetzen oder auch beginnen. Über zwei Jahre bestand das „Seminar hinter Stacheldraht“. Insgesamt 949 Dozenten, Priester, Brüder und Seminaristen aus Deutschland und Österreich waren im Verlauf der zwei Jahre dort. Fast 600 wurden Priester.

Nuntius Roncalli besuchte wiederholt das Seminar. Am Sonntag nach Weihnachten 1946 erschien er, um die Segenswünsche des Papstes zu überbringen. Er betonte: „Das Seminar von Chartres gereicht sowohl Frankreich wie Deutschland zum Ruhme. Es ist sehr wohl geeignet, zum Zeichen der Verständigung und Versöhnung zu werden.“

Am 5. Juni 1947 wurde das Seminar aufgelöst. Franz Stock kehrte nach Paris zurück, wo er am 24. Februar 1948 plötzlich und unerwartet verstarb. Beerdigt wurde er zunächst auf dem Friedhof Thias in Paris. Nur wenige Menschen folgten dem Sarg, da Stock noch als Kriegsgefangener galt und sein Tod nicht bekanntgegeben wurde.

Das sollte sich bald ändern. Eine erste öffentliche Gedenkfeier für Franz Stock fand bereits am 3. Juli 1949 in Paris in der zur Kathedrale erhobenen Kirche Saint-Louis des Invalides statt. Am 15./16. Juni 1963 wurden die Gebeine Abbé Stocks von Paris nach Chartres in die neuerbaute Kirche Saint Jean Baptiste umgebettet.

„Franz Stock ist ein Wegbereiter des europäischen Friedens. Nach den verheerenden Kriegen hat er sich unermüdlich für Versöhnung und Frieden eingesetzt, besonders zwischen den einstigen Erbfeinden Deutschland und Frankreich“, betont der Vorsitzende des Franz-Stock-Komitees, Pfarrer Stephan Jung. Abbé Stock, wie er bis heute genannt und verehrt wird, habe dies tun können, „weil er getragen war vom Glauben an den Gott, der bereit war, alles für die Menschen zu geben: seinen Sohn Jesus Christus. Gott überschreitet Grenzen, damit Zukunft möglich wird.“

2009 wurde von Erzbischof Hans-Josef Becker der diözesane „Informativprozess über das Leben, die Tugenden und den Ruf der Heiligkeit des Dieners Gottes Franz Stock“ eröffnet. 2013 wurde der Informativprozess beendet und die in diesem Prozess generierten Unterlagen und Akten nach Rom geschickt, wo danach offiziell das römische Verfahren zur Seligsprechung Franz Stocks begonnen wurde.

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