Von Anstand, Moral und Respekt

Vertreter dreier Religionen diskutieren in der Siegerlandhalle ihren Beitrag zum Zusammenhalt

Podiumsdiskussion der Religionen in Siegen (von links): Allon Sander, Adnan Demir, Ali Osman Korkmaz, Moderatorin Anne Willmes, Peter-Thomas Stuberg und Dechant Karl-Hans Köhle. Foto: Karlfried Petri

 

Siegen (kp). Zum ersten Mal sind in Siegen Vertreter des Judentums, des Islam und der beiden Kirchen auf einem Podium miteinander und mit dem Publikum ins Gespräch gekommen. Gesprächsthema war der Beitrag, den die Religionen zum Zusammenleben in der Gesellschaft leisten können. Im Zentrum des Gespräches standen dabei die Begriffe Anstand, Moral und Respekt.

Im Atriumsaal der Siegerlandhalle diskutierten auf Einladung des „Runden Tisches der Religionen Siegens“ Dechant Karl-Hans Köhle, der evangelische Superintendent Peter-­Thomas Stuberg, Imam Ali Osman Korkmaz von der DITIB-­Selimiye-Moschee, der von Adnan Demir übersetzt wurde, und Allon Sander, jüdischer Vorsitzender der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Siegerland. Respektlosigkeit und Egoismus haben in der Gesellschaft zugenommen, beklagten die Gesprächsteilnehmer und berichteten von eigenen Erlebnissen. Anonyme Veröffentlichungen im Internet seien zunehmend von Respektlosigkeit gekennzeichnet, teilweise sogar gefährlich und bedrohlich.

Im Judentum gebe die Religion den Rahmen vor, Anstand, Moral und Respekt persönlich zu entwickeln, sagte Allon Sander. Es gelte die Rabbiner-­Regel: „Tue was du nicht liebst deinem Nächsten nicht an. Gehe raus und lerne es.“ Die im Islam bestehenden Gebote und Verbote gehörten zum Anstand, sagte Ali Osman Korkmaz. Es sei Aufgabe der Eltern, dies vorzuleben. Dazu gehören Mitgefühl und Mitleid. Die Moschee trete bei Jugendlichen in den Hintergrund und der Einfluss sei begrenzt. Hinterhofprediger, auch im Internet, erreichten Jugendliche und geben Antworten. „Wenn wir Moscheen, Kirchen und Synagogen füllen könnten, wäre es einfacher“, sagte Korkmaz.

Für Dechant Karl-Hans Köhle gehören Tugenden wie Freundlichkeit, Höflichkeit und Aufeinanderzugehen dazu. Er verwies auf die Kardinaltugenden Glaube, Hoffnung und Liebe. Um diese neu zu lernen, seien die Familien gefordert. Wenn dies gelinge, wirke sich das auf die Persönlichkeit eines Menschen positiv aus.

Superintendent Stuberg empfahl eine Haltung einzuüben, den anderen als ebenso wertvolle Persönlichkeit wie sich selbst zu sehen. Im Kirchenkreis Siegen werde Respekt und das Einhalten von Grenzen in etwa 50 evangelischen Kindertageseinrichtungen anhand biblischer Geschichten gelernt und eingeübt.

Auch das Verstehen und Interpretieren der Quellentexte kam zur Sprache. Sowohl im Koran als auch im Alten Testament gebe es Stellen, die Gewalt gegen Andersgläubige zum Ausdruck bringen. Wenn man den Koran im historischen Kontext sehe und verstehe, so Imam Korkmaz, werde sehr schnell deutlich, dass Aussagen wie „Tötet die Ungläubigen“ auf eine Kriegssituation vor 1 400 Jahren zu beziehen sei, aber doch nicht auf den heutigen Alltag.

Superintendent Stuberg machte deutlich, dass die Bibel nicht wie die Straßenverkehrsordnung gelesen werden solle. Es gelte den Geist zu verstehen, der hinter dem Wort stehe. Der Buchstabenglaube führe in die Irre. Auch im Judentum gebe es diese Problematik, sagte Allon Sander. Oft werde eine schon zuvor vorhandene Meinung nachträglich durch die Religion begründet.

Wie kann das Miteinander verbessert werden? Als gute Grundlage in Deutschland nannte Stuberg das Grundgesetz. Das Miteinander könne in Gesprächen erlernt werden. Dabei gelte: Null Toleranz für Intoleranz. Das unterstützte auch Allon Sander. Immer wieder müsse man mit Menschen ins Gespräch kommen. Fehlverhalten dürfe nicht unkommentiert bleiben. Aber jeder müsse auch an sich selbst arbeiten. Ali Osman Korkmaz sieht die Aufgabe, die Gebote und Verbote Gottes in den Religionen zu achten und diese den Kindern beizubringen sowie vorzuleben. Wichtig sei, miteinander zu reden, um den anderen zu verstehen. Korkmaz: „Im Glauben gibt es keinen Zwang.“

Karl-Hans Köhle zitierte Peter Scholl-Latour: „Ich fürchte nicht die Stärke des Islam, sondern die Schwäche des Abendlandes. Das Christentum hat teilweise schon abgedankt. Es hat keine verpflich­tende Sittenlehre, keine Dogmen mehr.“ Den Grund sieht er darin, dass die Menschen Gott vergessen haben. Es helfe, den Glauben neu zu entdecken und zu leben.

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