Vertrocknen im Strom der Gnade

Gedanken zu den Lesungstexten des Pfingstsonntags

Was an Gott liegt, er schenkt uns genügend Gnade, damit wir sie nutzen und aus ihr leben.

Vertrocknet kaum zu erkennen: Tulpen. Foto: Martin Gebhardt/pixelio

 

von Christhild Neuheuser

Lesung und Evangelium des heutigen Pfingstsonntags verhalten sich zueinander wie die Außen- und Innenseite eines Ereignisses und klingen in meinen Ohren wie der Wechsel zwischen Fortissimo und Piano.

Die Apostelgeschichte beschreibt einen dramatischen Vorgang mit plötzlichem Getöse, Sturm und Feuer, mit Volksauflauf und Sprachwunder, Staunen und Begeisterung. Dagegen zeichnet das Johannesevangelium ein Interieur mit verschlossenen Türen, intimer Gemeinschaft und leisen Worten. Darin wird Jesus nicht an seiner Herrlichkeit, sondern an seinen Wunden erkannt; Freude über die unerwartete Begegnung besiegt die Furcht, Friede wird zugesprochen, zweifach, eindringlich und eindringend.

Trotz dieser scheinbaren Gegensätze geht es aber in beiden Beschreibungen um das Gleiche: Gottes Geist überkommt die Menschen, verwandelt sie und sendet sie! Der Creator ist kreativ, weht da, wo er will und so, wie er will. In der Apostelgeschichte „weht“ er als Sturm, im Johannesevangelium als sanfter Anhauch. Mir kommen dabei viele Menschen aus Vergangenheit und Gegenwart in den Sinn, die den Geist Gottes in ähnlich unterschiedlicher Weise erfahren haben: die einen wie im Sturm durch ein plötzliches einschneidendes Erlebnis schmerzlicher oder begeisternder Art, die anderen als leisen Anhauch, unauffällig, verlässlich und lebensnotwendig wie den Atem. Gemeinsam aber ist ihnen das Geschenk des Geistes und die Sendung durch den Geist, Gabe und Aufgabe zugleich. Und beides geschieht nicht ohne die Offenheit und das Ja der Empfangenden. Weder die Gewalt des Sturmes noch die Intensität des Anhauchs führt zum Ziel, wenn die Offenheit fehlt.

Dazu erlebte ich Ostern ein anschauliches Beispiel. Ich hatte einige frisch ergrünte Zweige in eine große Vase gestellt und österlich dekoriert; mich gewundert, wie viel Wasser sie zwei Tage lang tranken und mich dann noch mehr gewundert, als die Blättchen schon nach drei Tagen zu welken begannen und auch frisches Wasser nichts half. Eine Biologin erklärte mir, dass da wohl die Zugangswege zu den feinen Leitungsadern der Zweige durch Veränderungen im Wasser verklebt oder verstopft worden wären. Frisches Wasser konnte da nicht mehr helfen, ein neuer rechtzeitiger Anschnitt der Zweige hätte Aussicht auf Erfolg gehabt. Das aber war nahezu unmöglich wegen der vielen zerbrechlichen ausgeblasenen Eier, die daran hingen. Beim Abräumen der Dekoration und auf dem Weg zur Bio-Tonne gingen mir einige Fragen durch den Sinn:

  • Vertrocknen nicht auch in unserer Kirche – trotz aller Gnadenströme – viele Christen und ganze Gemeinden, weil ihre „Zugänge“ verstopft sind?

  • Was müsste schnellstens aus dem trüben Wasser herausgenommen und aufgeschnitten werden, auch wenn dabei schöne Dekorationen zu Bruch gingen?

  • Für welche Veränderungen in unserer Kirche ist es höchste Zeit?

Viele, denen die Botschaft Jesu und die Verantwortung für die Kirche am Herzen liegen, sind längst auf der Suche nach Antworten auf solche Fragen. Sie leben – wie die Jünger damals – vom Anhauch Jesu, der sie in der Kraft des Geistes aussendet, und zwar nicht nur zur Wortverkündigung, sondern auch zur Vergebung und zur Verweigerung der Vergebung. Dabei bleibt wahr, dass Gott allein Sünden vergeben kann. Doch in seinen Boten atmet Gottes Geist und befähigt sie zur Unterscheidung von Wahrem und Falschem, von Gut und Böse.

Zur Autorin:

Sr. Christhild Neuheuser ist Oberin im Mutterhaus der Schwestern der Christlichen Liebe in Paderborn.

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