Passt Heimat in einen Koffer?

Die Caritas in Lippe lässt bei einem Dichterwettstreit Jugendliche zu Wort kommen

Detmold. Wenn es um „Heimat“ geht, wollen auch Jugendliche mitreden – nur lässt sie keiner. Der Begriff wird von Politikern, Rednern, Intellektuellen in der Öffentlichkeit definiert, eben ausschließlich Erwachsenen. Es geht aber auch anders, wie ein Poetry-Slam, ein Dichterwettstreit, der Caritas in Lippe bewiesen hat. Dort machten junge Poeten Heimat zu ihrem Thema. Es wurde ein interessanter, vielseitiger, sogar bewegender Abend in der Detmolder Kirche Heilig Kreuz.

Ein Geschenk erhielten am Ende des Poetry-Slams alle Teilnehmer. Marc-Oliver Schuster (vorne, 2. v. r.) leitete die Veranstaltung, Caritas-Vorstand Elisabeth Montag (vorne, links) und die Caritas-Vorsitzende Dorothea Gärtner (hinten, links) hatten sie organisiert.

 

Die Veranstaltung war lange vorbereitet. Zusammen mit dem Moderator Marc-Oliver Schuster hatte der Caritasverband Poetry-Slam-Workshops in Schulen angeboten – in der Annahme, dass sie viel zu sagen haben, wenn man sie nur fragt. Damit hat die Caritas Recht gehabt, wie sich in der Heilig-Kreuz-Kirche zeigte. „Heimat passt in einen Koffer“, erklärte beispielsweise Arnulf Heine in seinem Beitrag. So könne man die Heimat immer überall mitnehmen. Aber was wäre, fragte Arnulf Heine sich und das Publikum, wenn nicht jeder einen solchen Koffer hat?

Die Menschen in Deutschland leben in Zeiten, in denen die Heimat nicht oder kaum in Gefahr ist. Die Gymnasiasten und Berufskolleg-Schüler, die – fast ausschließlich zum ersten Mal – ihre Texte öffentlich vortrugen, verorteten Heimat in den kleinen Details des Alltags, auch im Urlaub in Dänemark.

Wie es ist, wenn die Heimat im Chaos versinkt und verschwindet, erlebten die Zuhörer dagegen bei dem Vortrag der 18-jährigen Katha, die zu einem improvisierten Monolog ansetzte. Mit Tränen in den Augen berichtete sie über die Angst, die das Leben in ihrer Heimatstadt Damaskus beherrscht, über den allgegenwärtigen Tod und das Ende aller Sicherheit – ein emotionaler, aufwühlender Moment.

Spätestens da war deutlich, warum die Veranstalter von der Caritas ihrem Poetry-Slam den Titel „DeineMeineKeineHeimat“ gegeben hatten. Wer andere ausgrenzt, zerstört Heimat und schadet allen. Die Lösung ist es, wenn „immer zwei Menschen den Koffer Heimat gemeinsam tragen“, wie Arnulf Heine dies beschrieb.

„Wir wollen den Begriff Heimat rehabilitieren“, sagt Elisabeth Montag, Vorstand des Caritasverbandes für den Kreis Lippe und die Stadt Bad Pyrmont. „Heimat ist Vielfalt. Die Bedeutung des Wortes ist immer subjektiv. Diese Vielfalt spiegeln wir bei unserem Poetry-­Slam. Wir liefern keine fertigen Antworten, sondern stellen Fragen. Wie sehr kann meine auch deine Heimat sein? Und wie ist es, keine Heimat zu haben?“

Dieser betont offene Umgang mit dem Thema setzt ein Zeichen gegen den Versuch, „Heimat“ populistisch gegen andere auszuspielen. In diesem Punkt bezieht die Caritas eindeutig Position. „Die Caritas slammt zurück“, lautet der Untertitel des Poetry-Slams in der Heilig-Kreuz-Kirche nicht ohne Grund. „Die Caritas berät und begleitet geflüchtete Menschen“, sagt die Caritas-­Mitarbeiterin und Pädagogin Britta Langner. „Heimat als Kampfbegriff für Ausgrenzung und Abwertung zu benutzen, geht gar nicht.“

Das alles kam in der mit 200 Besuchern sehr gut besuchten Veranstaltung gut an. Moderator Marc-Oliver Schuster, der souverän durch die Veranstaltung führte, zeichnete am Ende alle aus, nicht nur die Sieger. Die Gleichbehandlung der Poeten ist eine Grundregel des Poetry-Slam. „Respect the ­poets“ heißt es bei ihnen. „­Respektiere die Poeten.“

Deshalb ist es auch nicht unwahrscheinlich, dass es zu einer Wiederholung des PoetrySlams kommen könnte. Der Respekt vor dem anderen, den die Slammer leben, ist ja nichts anderes als die Achtung vor der Würde des Menschen, den die Caritas zum Maßstab ihres Handelns macht.

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