Ostern stellt alles auf den Kopf

Weihbischof Matthias König zum Osterfest

Die Auferstehung stellt alles auf den Kopf. Das Werk des amerikanischen Künstlers Robert Wilson wurde in Oberammergau gezeigt. Foto: Leslie Spinks, Gemeinde Oberammergau

 

Ein merkwürdiges Bild einer Kreuzwegstation: Der amerikanische Künstler Robert Wilson hat sie geschaffen. Ein Reisigzelt, eine weiße Puppe eines nackten lebensgroßen Mannes hängt kopfüber von der Spitze herab und schwebt über einem blauen Bett. Es sieht fast aus wie ein Lot in Position. Darstellen möchte der Künstler die XIV. Station des traditionellen Kreuzweges: „Jesus wird in das Grab gelegt“.

von Matthias König

Die Botschaft dieser ungewöhnlichen Darstellung: Mit der Auferstehung Jesu ist alles auf den Kopf gestellt, selbst Tod und Grab.

An Ostern feiern wir das Fest der Auferstehung. Wir feiern den Sieg über das Dunkel des Grabes, über die scheinbare Endgültigkeit des Todes. Und damit feiern wir, dass der auferstandene Jesus alles auf den Kopf stellt, was bislang als unverrückbares Naturgesetz erschien.

Dabei berichten die biblischen Schriften an keiner Stelle, „wie“ die Auferstehung vor sich ging. Aber die Erzählungen bezeugen das „Dass“ des Ostersieges. Sie bezeugen – jede auf ihre ganz besondere und eigene Weise – was uns an ältesten christlichen Auferstehungszeugnissen vorliegt (etwa 1 Kor 15) und im Apostolischen Glaubensbekenntnis so zusammengefasst ist: „Ich glaube [...] an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.“

Auf den Kopf gestellt

Wenn wir bei der Botschaft der ungewöhnlichen Kreuzwegstation bleiben, fällt uns ein, dass Jesus Christus bereits mit seinem öffentlichen Wirken vieles auf den Kopf gestellt hat und weiterhin auf den Kopf stellt. Durch seine Predigten und sein Vorbild hat er die Überlieferungen des jüdischen Glaubens gehörig auf den Kopf gestellt – so empfanden es seine Gegner. Vieles in der damaligen Glaubenspraxis hat er angefragt, manche starren Vorschriften korrigiert. Deshalb wurde er unbequem.

Auf dem Weg zur Passion hat sich dieses „auf den Kopf stellen“ noch einmal zugespitzt: Jesus zieht wie ein König in Jerusalem ein, doch nicht auf „hohem Ross“, sondern wie ein Armer auf dem Rücken eines Esels. In der Fußwaschung macht er, der „Meister und Herr“ (Joh 13,13), sich zum geringsten Diener. Und alles Königliche wird auf den Kopf gestellt, als er verhaftet, verspottet, gefoltert und schließlich am Kreuz schmählich hingerichtet wird.

Es hat der tiefgründigen Reflexion des Apostels Paulus bedurft, bis auch die Anhänger und Nachfolger Jesu dies ansatzweise verstanden haben. Paulus kann die „Torheit des Kreuzes“ als „Weisheit Gottes“ (vgl. 1 Kor 1,23ff.) deuten. Er verdeutlicht, dass unser Glaube leer und sinnlos wäre, wenn Christus nicht gestorben und auferstanden wäre (1 Kor 15,14).

Der Tod ist auf den Kopf gestellt

Ostern ist das Fest, an dem wir mit Christus den „Kopfstand“ vollziehen. Denn die Auferstehung des Herrn stellt tatsächlich die Gesetze dieser Welt auf den Kopf.

Ostern hebt die Naturgesetze auf. Der Tod ist nicht mehr absolutes Ende eines Lebens, sondern nur noch Durchgang in eine andere Weise, das Leben in Fülle zu haben. Damit werden auch die Gesetze unserer menschlichen Wahrnehmung aufgehoben: Dort, wo wir nur ein Ende sehen, den Abbruch des Lebens, das Aus eines Daseins, da führt Christus weiter! Das Endgültige wird durch seine Auferstehung zum Vorläufigen. Die Begrenzung des Lebens wird aufgehoben, es wird weiter. Angst wird in Hoffnung verwandelt, Trauer in Freude. Statt eines endgültigen Abschiedes dürfen wir auf ein Wiedersehen im Reich des Lebens hoffen.

Das ist so, wie wenn Menschen einen Kopfstand machen: Das Blut strömt in den Kopf, weitet die Gefäße und macht Wahrnehmungen möglich, die sonst nicht möglich wären. Und es verändert die Perspektive: Auf den Kopf gestellt, sieht man Dinge ganz anders, vielleicht bewusster, vielleicht zum ersten Mal in ihrer Existenz oder Form – und das beeindruckt und prägt. Wenn Ostern alles auf den Kopf stellt, dann soll durch die Osterfeier und das Hören des Osterevangeliums etwas Ähnliches mit uns geschehen.

Neue Perspektive

Was das konkret bedeutet, habe ich bei einer großen Beerdigung erlebt. Ein Mann war plötzlich aus dem Leben gerissen worden – erst 54 Jahre alt. Die Kameraden der Vereine, in denen er aktiv mitgearbeitet hatte, viele Arbeitskollegen, Freunde und Nachbarn füllten die große Kirche. Überall konnte man die tiefe Betroffenheit und Hilflosigkeit spüren. Bis zum Zeitpunkt, als die Messfeier begann: Das gemeinsame Singen, erst noch zaghaft, dann immer kräftiger, die Gebete und die Schrift­texte – all das half, wieder Fassung zu gewinnen.

Selten wird die Botschaft des Glaubens, die Botschaft vom Leben mit solch einer Sehnsucht gehört, wie an solcher Stelle und bei solcher Gelegenheit. Das hat selbst den äußerst schmerzlichen Moment auf dem Friedhof erträglicher gemacht, als der Sarg in das Grab gesenkt wurde und Familie und enge Freunde am offenen Grab Abschied nehmen mussten. Ich fuhr dankbar und innerlich aufgebaut nach Hause, da ich miterleben durfte, wie die Auferstehungsbotschaft Trauer und Hilflosigkeit in einem guten Sinne „auf den Kopf stellt“ und neue Hoffnung schenkt, aus der man leben kann.

Dass der Tod keine Türen endgültig zufallen lässt, sondern das Tor zum Leben ist – scheinbar völlig widersinnig –, wurde hier erfahrbar. Der Vater des so plötzlich Verstorbenen bestätigte in einem kurzen Gespräch diese Erfahrung: „Wir haben den Glauben an die Auferstehung. Daran halten wir uns!“ Was für ein wunderbares Zeugnis des Osterglaubens, der selbst bei tief betroffenen und trauernden Menschen eine neue Perspektive schenkt und die scheinbar deutlichen Tatsachen auf den Kopf stellt!

Durch das österliche Triduum, vom Abend des Gründonnerstags bis zum Ostersonntag, und durch die 50 Tage der Osterzeit sollen Christen so viel Zuversicht bekommen, dass der entscheidende „Kopfstand“ gelingt: der, der die Perspektive zum Leben schenkt und Mut macht, dies durch ein österliches Leben der Welt zu bezeugen. Eben diese unsere Welt braucht die Botschaft heute nötiger denn je: Ostern stellt alles auf den Kopf.

Weihbischof Matthias König

Bischofsvikar für Aufgaben der Weltkirche und Weltmission sowie für Institute des geweihten Lebens und für Gesellschaften des apostolischen ­Lebens

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