Mobil sein ohne Autos und Abgase

Forscher Andreas Knie fordert in der Kommende, die Anzahl von Fahrzeugen zu reduzieren

Dortmund-Brackel. In Deutschland sind rund 47 Millionen Pkw zugelassen. Damit könnte, wie der Politikwissenschaftler Andreas Knie augenzwinkernd beim Querdenker-Abend in der Dortmunder Kommende anmerkte, jeder Bundesbürger auf einem Vordersitz Platz nehmen. Doch Komfort hin oder her, im Gespräch mit Dozent Richard Geisen machte der Mobilitätsforscher sofort deutlich, dass diese hohe Zahl an Autos nicht mehr tragbar sei. Die Umwelt werde viel zu sehr belastet, abgesehen von den Problemen, die der Massenverkehr auf den Straßen mit sich bringe, und den Schwierigkeiten ausreichend Parkplätze im öffentlichen Raum zur Verfügung zu stellen.

Leidenschaftlich vertrat Andreas Knie (links) seine Thesen im Gespräch mit DDr. Richard Geisen beim Querdenker-Abend. Foto: Körner

 

von Theo Körner

Des Deutschen liebstes Kind müsse in der Gesamtmenge deutlich zurückgefahren werden, forderte Knie, als Zielmarke nannte er 20 Millionen Pkw. Mit intelligenten Lösungen sei es möglich, dass die Bundesbürger auch dann noch mobil sind und bleiben, unterstrich der Experte. Die Digitalisierung biete reichlich Potenziale, um mithilfe umfangreicher Vernetzungen die Zahl an Fahrten zu verringern. Plattformen im Internet können dazu beitragen, neue oder veränderte Formen von Mobilität zu entwickeln.

Eine enge Verzahnung von privat genutzten Pkw mit öffentlichem Nahverkehr, der Einsatz von Rädern oder ­E-­Bikes sind dabei maßgebliche Ansätze. Carsharing ist aus Sicht des Experten ein weiteres Modell, um den Autoverkehr zu verringern. Allerdings greife nur ein geringer Prozentsatz der Bevölkerung auf dieses Angebot zurück, so der Wissenschaftler, der selbst Ende der 1990er-Jahre ein Unternehmen in dieser Branche gegründet hatte. Dass die Menschen bereits begonnen haben, eine Kehrtwende einzuleiten, lasse sich mit Zahlen belegen, meinte Knie. In Berlin nutzen die Bürger nur noch zu etwa 25 Prozent den vierrädrigen Untersatz, in einer Vielzahl an Städten seien die Menschen längst umgestiegen, um per Bus, Bahn oder Rad voranzukommen. Manche Bürger legen die Strecken einfach zu Fuß zurück.

Gerade unter den jungen Leuten sei das Auto längst nicht mehr das Maß aller Dinge, vielmehr versuchen sie, so Knie, verschiedene Verkehrsmittel zu kombinieren und die Nutzung ihren persönlichen Bedürfnissen anzupassen. Damit man sich auf den öffentlichen Nahverkehr als stabile Größe verlassen könne, müssten Angebot und Struktur noch deutlich nachgebessert sowie seine Rolle in einem Mobilitätskonzept klar bestimmt werden.

Angesichts der wachsenden Kohlendioxid-Belastung durch Verbrennungsmotoren sei darüber hinaus ein Ausbau der Elektromobilität dringend notwendig, hob das Mitglied der Arbeitsgruppe Rahmenbedingungen der Nationalen Plattform Elektromobilität hervor. Damit erreiche man auch eine Abkehr vom Öl, die aus Sicht des Fachmannes längst überfällig sei. Der Westen habe in den vergangenen Jahrzehnten mit seiner Ölpolitik die Länder des Nahen und Mittleren Ostens destabilisiert sowie soziale Spannungen in der Region verschärft.

Der Siegeszug des Autos habe bereits in den 1950er- und 60er-Jahren begonnen und sei auch immer mit einem „Freiheitsversprechen“ für die Bürger des Landes verbunden gewesen. Maßgeblichen Anteil an der dynamischen Entwicklung haben bis auf den heutigen Tag nach Worten des Referenten auch die Steuervorteile für das Auto als Verkehrsmittel auf dem Weg zum Arbeitsplatz. Darüber seien Dienstfahrzeuge stets begünstigt worden, ein weiterer nicht zu unterschätzender Faktor für hohe Verkaufszahlen.

In manchen Regionen kommen heute 1 000 Autos auf 1 000 Einwohner. Berechne man den Bevölkerungsanteil mit ein, der keinen Pkw nutze, komme man auf zwei Fahrzeuge pro Bürger. Wenn es in den letzten Jahren gelungen sei, SUV zu etablieren, dann sei das vor allem durch Preisnachlässe gelungen, hob der Wissenschaftler hervor.

Für die Zukunft erwartet der gebürtige Siegener eine neue Debatte über die Anforderungen von Mobilität angesichts einer Gesellschaft, die immer stärker individuell ausgeprägt ist. Das gelte auch und gerade für ländliche Regionen.

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