Mission heißt vor allem Respekt

Ein Gespräch mit Ulrich Klauke über das heutige Verständnis des christlichen Auftrags

Die Nachricht kam Ende November, aber sie klang wie aus vergangenen Jahrhunderten: Ein christlicher Missionar wird auf einer indischen Insel von einem „einheimischen Steinzeitvolk“ mit Pfeil und Bogen ermordet. Seine Leiche kann nicht geborgen werden, weil das Volk der Sentinelesen keinen ranlässt.

Mission heute: Briseida Iglesias, eine weise Frau der Kuna und praktizierende Christin, die sich dafür einsetzt, dass die Tradition und Kultur ihres Volkes erhalten bleibt. Foto: Matthias Hoch / Adveniat

 

von Claudia Auffenberg

Hat der junge Amerikaner John Allen Chau etwas falsch gemacht? Ist es nicht Aufgabe eines jeden Christen, die Frohe Botschaft weiterzusagen? Schließlich gilt doch auch den Sentinelesen die Botschaft des Engels: „Heute ist euch der Retter geboren!“

Ulrich Klauke leitet im Erzbischöflichen Generalvikariat das Referat Weltmission – Entwicklung – Frieden. Er hält Kontakt zu Missionarinnen und Missionaren des Erzbistums. Den Fall des John Allen Chau kennt auch er nur aus der Zeitung, im Gespräch aus diesem Anlass redet er oft von Respekt. „Die Haltung des Respekts vor dem Fremden ist für einen Missionar ganz wichtig“, sagt er und das heißt auch, Grenzen einzuhalten. Womöglich hat John Allen Chau genau das nicht getan und die ablehnenden Signale der Sentinelesen bewusst übersehen. Immerhin hat er nicht akzeptiert, dass es verboten ist, die Insel zu betreten. Aus katholischer Sicht sei ein solcher Respekt aber die Voraussetzung für Mission. Seit dem Konzil sei es gut katholisch, so Klauke, nicht mit der Bibel übers Land zu ziehen, sondern mit den Menschen zu leben und aus christlicher Hoffnung das eigene Leben zu gestalten. „Zeugnis ohne Worte“ hat Papst Paul VI. das in seinem apostolischen Schreiben „Evangelii Nuntiandi“ über die Evangelisierung in der Welt von heute genannt. Klauke erzählt von einem Missionar von den Philippinen. Der war mit der Mission eines Volkes beauftragt, das einst am Strand von den Fischen lebte, dann aber ins Landesinnere vertrieben wurde und auf Ackerbau umstellen musste. Für viele Phi­lippinos waren oder sind das Menschen zweiter Klasse, ein aggressives Volk mit befremdlichen Sitten: Es jagte seine Witwen davon. Der Missionar hat zunächst über ein Jahr einfach ganz in der Nähe gelebt, war nur da, hat nicht kommentiert oder geurteilt. Irgendwann hat das Volk verstanden, dass er nichts Böses will. Es hat Kontakt aufgenommen und das eigene Verhalten überdacht.

Mission heißt übrigens auch nicht, dass einer etwas bringt, was der andere noch nicht hat, betont Klauke: „Der göttliche Funke ist immer auch im anderen! Gott ist da, die Menschen haben eine Ahnung von ihm.“ Ein Missionar kann ihn allenfalls gemeinsam mit den anderen entdecken. „Ich stelle mich mit dem anderen vor das Evangelium“, so formuliert es Klauke, und dies bleibt nach katholischer Auffassung auch für den Missionar nicht folgenlos: „Wer als Christ mit einem Nichtchristen über seinen Glauben redet, wird dadurch selbst evangelisiert.“

Das alles gilt übrigens nicht nur in fernen Landen, sondern auch in heimischen Situationen, in denen Christen als Christen wirken. Die Zachäus-­Geschichte fällt Klauke noch ein. Missionieren könne demgemäß nicht heißen: „Du musst erst mal anders werden, dann können wir über das Christliche reden.“ Die Botschaft müsse vielmehr sein: Du bist akzeptiert, du bist ein Kind Gottes! Dann könne man vielleicht darüber reden, was das bedeuten kann, aber nicht: Ich weiß es schon.

Der Missionar an sich, so könnte man zusammenfassen, verteilt den Glauben nicht, er lebt ihn.

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