Kommen Sie mit in die Wüste!

Gedanken zu Mk 1,12-17

Die österliche Bußzeit lädt ein, mit Jesus in der Wüste die Quellen des Lebens zu finden.

von Andreas Kurte

Das ist die Einladung an uns alle in den kommenden 40 Tagen der österlichen Bußzeit. Kommen Sie mit in die Wüste! Aber was ist damit gemeint? Nicht die Rallye Paris–Dakar, wo verwegene Fahrer mit aufgemotzten Geländewagen durch den Sand preschen!

Die Wüste, um die es hier geht, die ist ganz nah bei Ihnen. Sie ist ein Ort, wo es still wird in uns, wo wir ganz bei uns und ganz bei Gott sind. Wo es Ausdauer braucht, einen begonnenen Weg zu Ende zu bringen. Wo sich unser Glaube bewähren muss. Wo wir auf die Probe gestellt werden. Das bedeutet Wüste, das bedeutet Fastenzeit, das bedeutet Vorbereitung auf Ostern, auf das Fest des Lebens.

Jesus ist in die Wüste gegangen und ist dort vom Satan versucht worden, heißt es heute, am 1. Fastensonntag (vgl. Mk 1,13). Wer in der Wüste leben und überleben will, muss die Quellen kennen, die es auch in der Wüste gibt. Er muss den Weg zu den Oasen finden, wo man ausruhen und neue Kraft schöpfen kann. Wo gibt es heute diese Oasen, wo die Menschen das klare, reine Wasser finden? Inmitten der Steinwüsten, der Beziehungswüsten, der religiösen Steppe, die immer größer zu werden scheint? Machen wir uns nichts vor: wie viele Menschen gibt es, die gefangen sind in einer Wüste, in die sie durch eigene Schuld oder durch Schuld anderer geraten sind. Wie viele Menschen gibt es, die suchen inständig nach einer Oase, die ihnen neues Leben gibt!

Jesus ist in die Wüste gegangen. Dort hat er vierzig Tage gefastet. Nach seiner Erfahrung von Armut und Flucht nach seiner Geburt, nach seiner Erfahrung von Geborgenheit und Verborgenheit 30 Jahre lang in einer menschlichen Familie, nach seiner Offenbarung am Jordan als geliebter Sohn des Vaters geht er noch nicht direkt zu den Menschen. Er geht zuerst in die Wüste. Damit gibt er ein deutliches Zeichen, das jeder verstehen kann, der die Geschichte des auserwählten Volkes Israel kennt. Denn die Wüste, das ist in der Geschichte Israels der Ort der Versuchung und des Abfalls von Gott. Es ist der Ort des Murrens und der Auflehnung gegen Jahwe, der sein Volk in die Freiheit geführt hat. Es ist der Ort der Entscheidung. Und zugleich ist die Wüste der Ort, an dem Gott seinem Volk die Gebote mitteilt und seine Herrlichkeit und Größe offenbart. So ist die Wüste für das Volk der Juden ein sprechendes Bild für die Beziehung zu Gott, die es immer wieder lebendig zu machen gilt.

Jesus geht den Weg seines Volkes nach. Wer Jesus, den Sohn Gottes, finden will, muss ihm nachfolgen in die Wüste. Diese Wüste, in die Jesus uns mitnimmt, ist alles andere als ein Ort der Gemütlichkeit. Menschen, die in der Wüste gelebt haben, können davon berichten: wie die Sinne gereizt werden. Wie man die Dinge anders sieht, anders hört. In der Wüste begegnete Israel dem lebendigen Gott. Diese Begegnung war kein Austausch von Nettigkeiten: Der Mensch, der Gott begegnet, begegnet zunächst dem ganz Anderen, dem Größeren, ja dem total Fremden. Die Propheten, die Gott begegnet sind und von ihm den Auftrag bekamen, das Volk zur Umkehr zu bewegen, waren zunächst wie betäubt und mussten dann in aller Regel feststellen, dass ihre Verkündigung auf erbitterten Widerstand stieß. Gott begegnen, ihn finden, ihm gehorchen, das bedeutet immer, vom Bequemen und vom Oberflächlichen, vom Angepassten und Allgemeinen Abschied zu nehmen. Es bedeutet immer, ein Stück von sich selbst aufzugeben, um wirklich frei zu werden für das Größere, das Gott dem schenkt, der ihn hören und ihm gehorchen will.

Gott hat im Laufe der Jahrhunderte immer wieder Menschen dazu befähigt, in die Wüste zu gehen und von dort aus Heil für die Menschen ihrer Zeit zu stiften. Ich denke da an den heiligen Antonius oder den heiligen Benedikt. Oder an Madeleine Delbrêl, für die die Stadt Paris im letzten Jahrhundert der Ort ihrer Wüstenerfahrung war. Sie wollen uns Mut machen, ebenfalls diesen Weg zu gehen.

Keine Angst, wenn heute mit dem ersten Fastensonntag dieser innere Weg durch die Wüste beginnt. Gott führt uns, und er hilft uns.

Zum Autor:
Msgr. Andreas Kurte ist Dom­kapitular und Leiter der Zentralabteilung „Pastorales Personal“ im Erzbischöflichen Generalvikariat in Paderborn.

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