Kleine Heilige ganz groß

Über die hl. Thérèse von Lisieux

Heilige des Mittelalters oder der frühen Christenheit sind auf beruhigende Weise weit weg. Sie lebten in einer anderen Zeit mit anderen Fragen. Und Bilder von ihnen sind immer Interpretationen anderer Leute. Doch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Fotografie erfunden und wenn man sich heute Fotos der heiligen Thérèse von Lisieux anschaut, die die Kirche, besonders in Frankreich, am 1. Oktober feiert, schaut man einem echten Menschen in die Augen und er bzw. sie schaut als ebensolcher zurück.

Thérèse von Lisieux vor ihrem Eintritt ins Kloster. Foto: kna

 

von Claudia Auffenberg

Thérèse wurde 1873 in der Normandie geboren, sie starb 1897 im Alter von 24 Jahren in Lisieux. Von ihr gibt es erstaunlich viele Fotos: Thérèse als Kind, als Jeanne d’Arc verkleidet, als kecke junge Dame, als Ordensfrau, im Krankenbett und auf dem Totenbett. Damals war es nicht üblich, auf Fotos zu lächeln oder gar zu lachen, so schaut sie immer relativ ernst. Aber der Blick der Thérèse ist eigentümlich. Als ob sie etwas sagen wolle, als ob sie mit dem Betrachter Kontakt aufnehmen und ihm sagen wolle: Glaub nicht, was sie über mich sagen.

Denn was die Zeitgenossen, vor allem die in ihrer Nähe, über sie sagten, war wenig charmant. Zunächst noch ein paar Fakten: Sie wollte schon mit 13 Jahren ins Kloster, ihre Familie unterstützte sie bei diesem Wunsch, aber sowohl das Kloster, in das sie eintreten wollte, als auch der ­Bischof und sogar Papst Leo ­XIII. verweigerten ihr diesen Wunsch. Erst mit 15 ließ man sie. Aber sie hatte es schwer. Ihre Mitschwestern hielten sie für arrogant, für eine, die sich mit ihrer Demut schmückt, und wenn man ihr ins Gesicht schaut, kann man das fast nachvollziehen. Denn man sieht nun wahrlich keine verhuschte Frau. Die Theologie der kleinen Thérèse, wenn man davon mal so reden darf – sie hat nie Theologie studiert –, war die „des kleinen Weges“. Ihr ging es schlicht und einfach darum, sich diesem Gott im Himmel wie ein Kind anzuvertrauen, sich ganz von dieser Liebe tragen zu lassen und sie im Alltag in kleinen Gesten zu zeigen. Doch so einfach ist das eben doch nicht und auch Thérèse litt unter dem, was man Anfeindungen nennt: Ängste und Zweifel. Das waren auch Stimmungen der Zeit, in der sie lebte.

Obwohl sie jung starb, hat sie ein umfangreiches Werk an Schriften hinterlassen. Ihre Autobiografie gilt in Frankreich als meistgelesenes spirituelles Buch nach der Bibel. Schon bald nach ihrem Tod verbreitete sich ihre Verehrung geradezu explosionsartig. 1925 wurde sie heiliggesprochen, 1997 erhob sie Papst Johannes Paul II. zur Kirchenlehrerin. Das hätte ihr sicher gefallen.

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