Jesus – der gute Hirt

Gedanken zu Joh 10,11-18

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron am Sarg des Offiziers Arnaud Beltrame (­kleines Foto), der sich gegen eine Geisel austauschen ließ und getötet wurde. Fotos: kna/ dpa

 

An Jesus, dem „pastor bonus“, finden alle ihr Maß und ihre Orientierung, die in der „Pastoral“ tätig sind.

von Nicole Hennecke

Im frühen Christentum zählte das Bild vom guten Hirten zu den beliebtesten Motiven. Davon zeugen viele bildliche Darstellungen wie z. B. in der Priscilla-Katakombe. Dort sieht man einen Hirten mit zwei Schafen und einem dritten Schaf, das er über seine Schultern gelegt hat. Vielleicht trägt er es, weil es verletzt ist.

Zur Zeit Jesu und über die Jahrhunderte hinweg war das Bild des Hirten mit seiner Schafherde ein bekanntes Motiv aus dem Alltag und den Menschen vertraut. Im 19. Jahrhundert wurde das Motiv erneut sehr populär. Auch bei meinen Großeltern hing ein Bild, das den guten Hirten zeigte.

Mir selbst ist das Motiv immer etwas fremd geblieben. Vermutlich hat es damit zu tun, dass ich mich in die Rolle des Schafes gedrängt sah. Und ein Schaf zu sein, ist eher negativ besetzt. Vielleicht geht es noch mehr Menschen so. Dann mag das heutige Evangelium durchaus eine Herausforderung sein. Oft lohnt es sich aber besonders dann, genauer hinzuschauen.

Der Text beginnt mit einer Aussage Jesu über sich selbst: „Ich bin der gute Hirt.“ Der gute Hirt zeichnet sich dadurch aus, so Jesus, dass er sein Leben einsetzt und sogar hingibt für die Schafe. Er unterscheidet sich vom bezahlten Knecht, der angestellt ist, um auf die Tiere aufzupassen und sie zu den Weideplätzen zu führen. In Momenten der Gefahr und Bedrohung ergreift der Angestellte womöglich die Flucht. Dass er anders handelt als der Hirt, ist allerdings nicht verwunderlich. Denn der Hirte, dem die Schafe gehören, hat ein anderes Verhältnis zu den Schafen als der Angestellte: Der Angestellte macht seine Arbeit – im besten Fall – gern, aber eben unter der Vereinbarung eines bestimmten Lohnes und im Rahmen einer festgelegten Zeit. Anders geht es in der Regel dem Hirten als Besitzer der Tiere: Er lebt mit und von seiner Herde. Er fühlt sich mit ihnen verbunden und hält sie nicht für „dumme Schafe“.

Jesus spricht davon, dass der Hirt und die Schafe einander kennen. Ich hielt diese Aussage immer für etwas überzogen. Aber seitdem ich selbst Tiere habe – gleichwohl es sich um Bienen handelt –, kann ich dieses Gefühl der Verbundenheit nachvollziehen.

Allerdings geht Jesu Aussage über das normale Verhältnis eines Hirten zu seiner Herde hinaus. Denn es ist nicht der Normalfall, dass der Hirte sein Leben für die Schafe gibt. Im Normalfall lebt der Hirte von seinen Schafen. Sie geben ihm Wolle, Milch und bisweilen wird er eines von ihnen schlachten. Jesus geht über dieses Bild hinaus, indem er viermal betont, dass er als Hirt sein Leben für die Schafe gibt. Oft fällt es mir schwer, die ungeheure Bedeutung dieser Aussage zu erahnen. Ich habe mich irgendwie daran gewöhnt. Diesen festen Glaubensbestandteil habe ich von klein auf immer wieder gehört: Jesus ist für mich wie für jeden einzelnen Menschen gestorben. Er hat sich eingesetzt mit seinem Leben für mich und für alle Menschen.

Eine Ahnung von der Bedeutung dieses Satzes habe ich Ende März noch einmal neu bekommen. Dort hat sich bei einem Terroranschlag der französische Polizist Arnaud Beltrame gegen eine weibliche Geisel eintauschen lassen. Der Attentäter schießt später auf ihn und er erliegt im Krankenhaus seinen Verletzungen. Er hat sein Leben für das der Frau gegeben. Dieses Ereignis bringt mir den Text des Evangeliums noch einmal auf eindrückliche Weise näher.

So sperrig das heutige Evangelium zunächst wirkt, so beinhaltet es doch Kernbotschaften meines Glaubens. Botschaften, die es vermutlich ein ganzes Leben lang stets neu zu entdecken gilt.

Zur Autorin:Dr. Nicole Hennecke, gebürtig aus Medebach, ist Pastoral­referentin und Kirchenrecht­lerin im Bistum Trier.

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