Je liebevoller – desto gottvoller!

Gedanken zur zweiten Lesung, 1 Joh 4,11-16

Foto: mosaiko / photocase

 

Wo die Liebe ist – durch uns, da ist Gott erfahrbar.

von Michael Hardt

„Du sollst dir kein Bild machen.“ So heißt es am Anfang des Dekaloges. Aber wir können ohne Bilder nicht leben, auch nicht ohne Bilder von Gott. Die Wahrnehmung der Wirklichkeit des Lebens geschieht ja nicht nur durch abs­trakte Gedanken, sondern auch durch Vorstellungen, Gefühle und Bilder. Die katholische Tradition hat dieses urmenschliche Bedürfnis bewahrt in ihren künstlerischen Ausgestaltungen der Kirchenräume, allem Bilderstreit und Bildersturm zum Trotz; zunächst wohl auch aus pädagogischen Gründen. Die Bilder an der Wand waren über viele Jahrhunderte der Bibelcomic für die große Mehrheit der Menschen, die nicht lesen und schreiben konnten.

In der orthodoxen Tradition haben die Ikonen fast eine „sakramentale“ Funktion. Die Verehrung des Bildes gilt etwa dem dargestellten Heiligen oder der Gottesmutter. Dennoch stimmt es wohl, dass die Kahlheit und Leere der reformierten Kirchen die ständige Warnung zum Ausdruck bringen, sich kein Bild von Gott zu machen oder gar das Bild zu verehren, sondern sich die Offenheit für die Offenbarung Gottes in seinem Wort zu bewahren. Gottesbilder an den Wänden der Kirchen begleiten unser Leben. Die Gottesbilder der Verkündigung prägen unser Leben. Ob das gemalte Bild an der Wand oder das Bild durch Wort und Sprache stärker wirkt, dürfte bei den Menschen sehr unterschiedlich sein.

„Gott ist nicht Mann. Gott ist nicht Frau. Gott ist Liebe. Gott ist nicht Europäer, Gott ist nicht Amerikaner. Er ist nicht Afrikaner und auch nicht Asiate. Gott ist die Liebe. Gott ist nicht Christ, nicht Jude oder Muslim, nicht Hindu oder Buddhist. Gott ist Liebe. Gott ist nicht Natur. Gott ist nicht die Geschichte. Gott ist Liebe.“ Die Gottesgedanken des Schweizer Pfarrers Kurt Marti laufen hinaus auf jene „Weltformel“ des Johannes, mit der er alles auf einen Nenner zu bringen sucht: „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm.“ Eine seltsame „Weltformel“ oder „Gottesformel“!

Gott – kein Europäer, kein Afrikaner, kein Asiate, nicht Mann oder Frau. Prägnant und präzise ist diese protestantische Warnung vor einer einseitigen Vereinnahmung Gottes, die nicht wahrhaben will, dass Gott der Gott aller Menschen ist – über die Grenzen der eigenen Religion und Kultur hinaus. Jemand hat einmal geschrieben: „Sie ist schwarz.“ Eine Rede von Gott, die sofort den Protest aller provoziert, denen das Bild von Gott als „Vater“ besonders wichtig und wertvoll ist.

Wenn ich an die Christusdarstellung im Missionsmuseum der Benediktinerabtei St. Ottilien, die sozusagen am Stadtrand von München liegt, aber zum Bistum Augsburg gehört, denke, finde ich hier das andere Anliegen gewahrt. Christus ist dort dargestellt in der Kleidung der Koreaner mit dem typischen Tellerhut und asiatischen Gesichtszügen als Fischer im Boot. Wer würde wagen, Christus „den Europäer“ mit Anzug und Krawatte oder in Jeanshosen mit Pullover zu malen? Dem Maler des Bildes im Missionsmuseum ging es darum, nicht so sehr die Verborgenheit und Ferne Gottes zu akzentuieren, sondern kulturharmonisierend seine Nähe, sein Gesicht im Gesicht des Menschen zu bekennen. So hat der Maler mit seinem Bild Inkulturation des Evangeliums geleistet.

Gott ist auch Asiate, auch Afrikaner, auch Europäer, auch Amerikaner. So wird der katholische Christ eher denken und fühlen. Beide Positionen sind nötig, um die Größe und Verborgenheit Gottes, seine Unbegreiflichkeit zu wahren und seine Nähe zu den Menschen nicht zu verlieren. Beide Akzentsetzungen finden sich bei allen Konfessionen. Und doch entscheiden sich an diesem Punkt Gewichtungen im Gottesbild.

„Gott ist die Liebe“. In der Heiligen Schrift ist das scheinbar ganz klar: Jesus spricht mit der andersgläubigen Ausländerin am Jakobsbrunnen. Er wirft keine Steine auf die ertappte Ehebrecherin. Er segnet die Kinder, obwohl sie seinen Mittagsschlaf stören. Er bittet für seine Folterknechte. Er verspricht dem reumütigen Verbrecher am Kreuz das Paradies. Er attackiert allerdings auch die Heuchelei und den Legalismus der Schriftgelehrten.

Auch der „liebe Gott“ ist nicht immer nur der liebe Gott. „Gott ist die Liebe“, heißt nicht, ständig nur gestreichelt zu werden. Aber es bedeutet, dass auch „Ich“, mein Einzelschicksal – eines von Milliarden – Gott nicht gleichgültig ist. „Wenn Gott uns so geliebt hat, müssen auch wir einander lieben …“ In der Heiligen Schrift werden wir ständig auf die Gemeinschaft zurückverwiesen. „Gott ist die Liebe.“ Eine seltsame „Weltformel“ des Johannes? Nein, keine seltsame „Weltformel“, sondern die einzige „Weltformel“, die Hoffnung schenkt! Gott ist die Liebe. Das ist das Bild von Gott, dessen Abbild wir sind und immer mehr werden sollen, dem wir unser Gesicht geben sollen.

Zum Autor:Monsignore Dr. Michael Hardt ist Direktor im Johann-Adam-Möhler-­Institut für Ökumenik im Erzbistum Paderborn und Leiter der Fachstelle Ökumene im Erzbischöflichen ­Generalvikariat Paderborn.

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