Heimvorteil?!

Gedanken zu Lk 4,21-30

So ein Graffiti wird man in Russland wohl nicht finden. Im eigenen Land ist Michail Gorbatschow kein hochverehrter Mann mehr. Foto: Rainer Schmidt / wir-waren-so-frei.de

 

Jeder Fußballspieler weiß, wie wichtig der Heimvorteil ist. Gerade bei entscheidenden Partien atmet ein Kicker auf, wenn er nicht den gefürchteten Platz des Gegners betreten muss, sondern auf eigenem Rasen antreten darf. Nicht umsonst wird das aufgepeitschte Publikum auch als der „zwölfte Mann im Team“ bezeichnet.

von Stephan Schröder

Da klingt es schon kurios, dass Jesus ausgerechnet in seiner Heimat Nazareth nicht umjubelt, sondern vielmehr „ausgepfiffen“ und vom Platz gejagt wird. So erzählt der Evangelist Lukas, wie Jesus erstmals in seiner Heimatstadt Nazareth öffentlich auftritt. Er, von dem sie schon so viel gehört hatten, von seinen faszinierenden Predigten und von seinen großen Taten, er ist nun auch endlich mal in der Heimat. Jesus liest in der Synagoge am Sabbat ein Stück aus dem Alten Testament vor: „Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.“ Das Gotteswort des Alten Bundes wird zum Evangelium, zur Ankündigung der guten Nachricht, die sich in Jesus manifestiert. Nachdem die Juden in der Synagoge Jesu Worten gelauscht hatten, wollten sie nun auch ein paar Wunder sehen, schließlich hatten auch sie gehört, was der berühmteste Sohn der Stadt alles kann. Überall heilt er Kranke, Lahme können wieder gehen und hier in Nazareth, in seiner Heimat – da tut er nichts, hält nur fromme Reden! Das verstanden sie nicht. Schließlich wurde ihre Wut so groß, dass sie ihn zur Stadt hinaustrieben.

Von Heimvorteil für Jesus kann man hier wohl kaum sprechen. „Der Prophet gilt eben in der Heimat nichts“ – sagt das Sprichwort, das im Evangelium auch seinen Ursprung hat. – Wenn ich auf unser christliches Abendland schaue, dann habe ich auch den Eindruck, dass wir Christen weit entfernt sind von einem Heimvorteil. Über unseren Glauben in der Familie, mit Freunden oder am Arbeitsplatz zu sprechen, das ist mitunter nicht angenehm, bisweilen sogar peinlich. Nicht nur, dass es uns selber schwierig erscheint, unseren Glauben in Worte zu fassen, die negative Reaktion der anderen ist meist nicht sonderlich ermutigend. Zu groß ist anscheinend die Ablehnung gegenüber der Kirche und die Distanz zum christlichen Glauben geworden. Was angesichts der nicht abreißenden Skandale in den eigenen Reihen nicht groß verwundert. Der missionarische Elan, mit Menschen über den Glauben an Gott ins Gespräch zu kommen, mit ihnen in den Dialog einzutreten, wird eine große, wenn nicht sogar die größte Herausforderung der Kirche und ihrer Gläubigen sein.

Nazareth, das könnte andererseits aber auch bedeuten, dass ich mich nicht stören lassen möchte von „Propheten“ aus den eigenen Reihen. Wenn ich eher zu denen gehöre, die der Auffassung sind, dass alles so bleiben solle wie es ist. Dann bin ich bei den Nazarenern in guter Gesellschaft. Denn sie verjagen Jesus aus der Heimat, weil sie ihm Anmaßung und Überheblichkeit vorwerfen. Es kann eben nicht sein, dass einer aus den eigenen Reihen ein Auserwählter Gottes, geschweige denn der Messias ist. Vertreiben wir also nicht die prophetischen Stimmen vom Platz, aus unseren eigenen Reihen, aus den Gemeinden und Gemeinschaften. Denn sie sprechen oft das aus, was keiner hören will.

Der Heimvorteil Jesu schlug in Nazareth jedenfalls in ein riesiges Pfeifkonzert um. – Trotzdem fordert uns Jesus dazu auf, dahin zu gehen, wo die Widerstände am größten sind. Auch ohne Heimvorteil und ohne den „zwölften Mann“ stehen die Chancen der Christen in unseren Dörfern und Städten nicht schlecht, wenn sie mehr auf die prophetischen Stimmen hören als auf die Bedenkenträger und Skeptiker.

Zum Autor:

Stephan Schröder ist Diözesanjugendpfarrer und Direktor im Jugendhaus Hardehausen.

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