Glanzaugenblicke

Gedanken zu Mk 9,2-10

In Glücksmomenten strahlt Gott, strahlt Ewigkeit auf.

Foto: StockSnap/pixabay

 

von Ullrich Auffenberg

Der Südtiroler Extrembergsteiger Reinhold Messner erzählte einmal in einer Talkshow von einer seiner Himalaya-Expeditionen. Er hatte im Schneetreiben völlig die Orientierung verloren. Der Kontakt zu seinen Kameraden war abgebrochen. Tagelang irrte er umher. Überall nur Schnee, Eis, Geröll und Nebel, dichtester Nebel. Völlig erschöpft sank er in den Schnee. Nichts ging mehr. Sein Gehirn rettete sich schon in den Zustand jenes Wohlfühlens hinüber, der den Menschen auf den Tod vorbereitet. Da plötzlich, an der Grenz­linie zum Koma, spürte er, wie sein Auge von einem ganz leichten Strahl von Licht und Wärme gestreift wurde. Mühsam öffnete er die Augen und fand sich in strahlendem Sonnenschein wieder. Er war gerettet, konnte seine Position bestimmen und den Abstieg wagen. Verwundert fragte ihn die Moderatorin: „War das Zufall?“ Darauf Messner: „Nein, das war kein Zufall, das war Gnade.“

Müssen wir erst in Grenz­situationen geraten – ob in den Bergen, auf der Intensiv­station, im Flugzeug, auf der Autobahn, wo auch immer –, um zu begreifen, dass das ganze Leben Gnade ist? Sagt uns erst der Besuch in den Elendsgebieten von Islamabad, Daressalam oder Port-au-Prince, dass es eine überaus große Gnade ist, in einem Dorf oder einer Stadt in Westfalen geboren worden zu sein?

Es gibt Glücksmomente, Glanzaugenblicke, also Tabor-­Erlebnisse, in denen sich der Vorhang lüftet und der zeitlose Hintergrund des Lebens deutlich wird, z. B. bei der Geburt eines Kindes, nach einer bestandenen Prüfung, bei einer unbeschreiblich schönen Naturwanderung, beim Verweilen an einer Quelle oder am Sterbebett der eigenen Mutter ... Da zeigt sich: Alles Leben ist Gnade.

Erfahren wir in solchen Begegnungen Gott? Mit Gott verbindet sich die Vorstellung von einer unendlichen Person im Hintergrund allen Lebens. Sie wird hier in einem „strahlend weißen Moment“ in Jesus deutlich. Denn Weiß ist seit Urzeiten die Farbe Gottes. Doch lassen sich solche Glücks- und Gnadenmomente nicht festhalten, sagt die Tabor-­Geschichte. Das eigentliche Leben findet in den Niederungen des Alltags statt. Wir haben in den Glanzaugenblicken vielleicht nicht Gott selbst erfahren, wohl aber seine Wirkung, sind uns also bewusst geworden, dass alles Leben und unser tagtäglicher Kampf von göttlicher Kraft durchwirkt ist, so wie Licht in jedem Atom gegenwärtig ist.

Um den alltäglichen Wahnsinn zu bestehen, kann der regelmäßige Kontakt zu Christus eine Hilfe sein, ob im Ruhegebet, der Meditation, einem Gottesdienst ... Dadurch stellen wir fest, dass die wenigen Glanzaugenblicke auf dem „Berg unseres Herzens“, also in unserem Innern (dem „Er-Innern“) weiterleben.

Kürzlich las ich von einem hochrangigen deutschen Politiker, dass er regelmäßig Exerzitien bei den Benediktinern in Maria Laach macht. Auf die Frage, wie er denn auf diese Idee gekommen sei, antwortete er: „Das Alltagsgeschäft in der Politik ist ein knochenharter Job. Ich bin mir bewusst, dass man als Politiker sehr schnell scheitern kann. Da­rum brauche ich meinen Glauben, der mir sagt, dass man als Mensch vor Gott nie scheitert. Also gönne ich mir Exerzitien, diese wichtigen Tage Abstand vom Alltag.“

Zum Autor: Msgr. Ullrich Auffenberg ist Referent für spirituell-seelsorgliche Bildung im Diözesan-­Caritasverband und Subsidiar im Pastoralen Raum Büren.

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