Freundschaft mit den Armen

Die Bielefelder Gemeinschaft von Sant’Egidio setzt sich für Menschen am Rand der Gesellschaft ein

Den Besuchern der „Tüte“ beim Bielefelder Hauptbahnhof bringen Dechant Klaus Fussy und Angelika Burger (r.) neben Kaffee und Brötchen auch ein offenes Ohr.

 

Bielefeld. Schnellen Schrittes strebt die kleine Gruppe zum Kesselbrink, einem großen Platz in Bielefeld. „Da sind sie schon“, sagt Dechant Klaus Fussy und zeigt auf eine fünfköpfige Männergruppe. Von weitem winkt Günni, einer der fünf. Herzlich werden die sechs Besucher von ­Sant’Egidio willkommen geheißen. Mitgebracht haben sie Körbe mit Kaffee, Brötchen, Obst und Süßem.

von Markus Jonas

Alle zwei Wochen besucht SantEgidio samstags die einschlägigen Treffpunkte in Bielefeld. Wohnungslose und Drogenabhängige finden sich unter den Besuchern dieser Treffs. „Viele, die sich dort treffen, leben an der Existenzgrenze“, sagt Fussy. „Sie wissen nicht, was am nächsten Tag passiert.“ Am Kesselbrink sind es diejenigen, die sich von den Drogenkonsumenten am Hauptbahnhof fernhalten wollen. „Eigentlich ist Christsein ganz einfach“, sagt Pfarrer Klaus Fussy, Dechant des Dekanates Bielefeld-Lippe und Mitglied bei SantEgidio, einer weltweit aktiven katholischen geistlichen Gemeinschaft, die zu ihrem 50-jährigen Bestehen in diesem Jahr auch Glückwünsche von Bundeskanzlerin Angela Merkel bekommen hat. „Aus der Gottesliebe erwächst die Nächstenliebe, aus der Freundschaft mit Jesus die Freundschaft mit den Armen. Sie werden zu Lehrmeistern des Evangeliums“, erklärt Fussy. Und das setzt die in Bielefeld 20 Mitglieder zählende Gemeinschaft, die sich dreimal wöchentlich zum Gebet trifft, ganz konkret um: durch Besuche bei den „Ausgestoßenen“ der Gesellschaft.

Sehr herzlich ist die Atmosphäre beim Treffen am Kesselbrink. Man kennt sich schon länger. „Ein Käsebrötchen?“, fragt Aiko Kreinau. „Sehr gerne“, antwortet Tom. Marlene Dickweiss verteilt Kaffeebecher und gießt aus mitgebrachten Kannen ein. Tom findet das „klasse, sehr freundlich“. Weil der Treffpunkt für Menschen in besonderen Lebenslagen in der Kavalleriestraße samstags geschlossen ist, trifft man sich hier. „Weihnachten war ich auch dabei“, erzählt der 47-Jährige. An Heiligabend verwandelt sich die Bahnhofshalle zu einem Ort des Gottesdienstes. Und am zweiten Weihnachtstag lädt SantEgidio die Wohnungslosen zu einem Festmahl ein, einem Drei-Gänge-Menü an festlich gedeckten Tischen. „Weihnachten soll niemand alleine bleiben müssen“, sagt Fussy. „Alle sollen spüren: Wir gehören zu einer großen Familie.“

Durch die Begegnung „von Angesicht zu Angesicht“ entstehe wirkliche „Beziehung von Herz zu Herz“, erzählt Angelika Burger, als die Gruppe sich verabschiedet hat und dem nächsten Treffpunkt am Hauptbahnhof zustrebt. „Ich freue mich jedes Mal, wenn wir uns sehen.“

Ärger hätten sie bei der Begegnung mit den Wohnungslosen noch nie gehabt, berichtet Marlene Dickweiss. „Sie fragen schon mal nach unserer Motivation.“ Wenn sie dann sagen, dass sie zu einer christlichen Gemeinschaft gehören, heißt es schon mal: „Schön, dass ihr nicht mit Bibelsprüchen, sondern mit Kaffee kommt.“

Rund 50 bis 60 „Stammgäste“ treffen die Mitglieder von SantEgidio bei ihren Besuchen. Insgesamt gebe es aber rund 600 Obdachlose in Bielefeld, sagt Klaus Fussy. Rund 20 kommen zu einem wöchentlichen Frühstück jeden Montagmorgen in der Kirchengemeinde St. Joseph nicht weit vom Bahnhof. „Wenn dann jemand nicht kommt, machen wir uns Sorgen und fragen uns, was passiert ist“, berichtet Hedi Hesse. „Im besten Fall ist er dann im Gefängnis.“ Mancher komme dann „richtig bürgerlich“ wieder aus dem Gefängnis heraus. Doch leider dauere das dann meist nicht lange.

„Hallo, wir kennen uns“, begrüßt Hedi Hesse Christof. Die Gruppe ist an der „Tüte“, dem großen, spitz zulaufenden gläsernen Eingang zur U-Bahn nahe dem Bahnhof angekommen. Rund 25 Männer halten sich an diesem Samstagmittag dort auf. „Total cool, dass ihr kommt und Brötchen bringt“, sagt Christof. Mit seinem Handy und einem tragbaren Lautsprecher sorgt er für Musik. An der „Tüte“ trifft er gern andere, „denen es noch schlechter geht als mir“, sagt er und lacht. Das sei für ihn eine gute Therapie. „Wenn ich mich schlecht fühle, sehe ich, dass es anderen noch schlechter geht“, erklärt er. „Das ist wie eine Nachricht von Gott für mich: Beschwer dich nicht über dein Leben.“ Besonders freut sich Christof, dass Aiko Kreinau von SantEgidio dabei ist. „Er hat mir schon oft einen Heiratsantrag gemacht“, erzählt die Japanerin, die mit einem Deutschen verheiratet ist, schmunzelnd. „Ich bin leider zu spät“, sagt Christof und lacht.

Die „Szene“ an der „Tüte“ im Herzen der Stadt ist den Behörden schon lange ein Dorn im Auge. „Zehnmal mehr Polizei“, will Christof in letzter Zeit beobachtet haben. Aber die Menschen dort seien nicht zu vertreiben, meint Dechant Klaus Fussy. „Das ist ein Stück weit ihr Wohnzimmer.“

Als Sozialarbeiter verstehen sich die Mitglieder von SantEgidio nicht. Zwar stehen sie mit Rat und Hilfe zur Verfügung. Aber nur, wenn diese gewünscht werde. „Wir gucken dann, wie wir helfen können.“ Vor allem wolle man aber Begegnung und Freundschaft auf Augenhöhe anbieten.

Ein weiteres Element auf diesem Weg ist in den Wintermonaten eine Suppenausgabe mittwochabends. Die lässt sich Christof meist nicht entgehen. Zudem ist die insgesamt 20 Mitglieder zählende Bielefelder SantEgidio-Gruppe werktags im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, wo Asylbewerber auf ihre Anhörung warten, und schenkt Kaffee aus. In der angespannten Situation, wo es um existenzielle Zukunftsfragen gehe, versuche man „eine kleine ­Oase des Verweilens“ einzurichten, berichtet Fussy, bevor der Einsatz für die SantEgidio-­Gruppe an diesem Samstag beendet ist.

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