Flüchtlingspolitik in der Kritik

Kontroverse Diskussion in Bövinghausen über den Familiennachzug und die Situation in Afghanistan

Diskutierten in Bövinghausen über die Flüchtlingspolitik: Christoph Gehrmann (Caritasverband Dortmund), Margarete Konieczny, Frank Bünte, Michael Mertins, Stefan Reichel (Hilfsverein Matteo), Nadja Lüders (SPD) und Steffen Kanitz (CDU, von links). Foto: Körner

 

Dortmund-Bövinghausen. Nur wenige Worte brauchte Christoph Gehrmann, Abteilungsleiter Jugendhilfe und Soziale Dienste der Dortmunder Caritas, um bei der ökumenischen Podiumsdiskussion in Bövinghausen zur Flüchtlingspolitik die Position des Wohlfahrtsverbandes zu verdeutlichen: „Uns geht es um den Menschen.“

von Theo Körner

Bei der Veranstaltung, zu der die Christusgemeinde und die Kolpingsfamilie eingeladen hatten, betonte Gehrmann, dass man die Vereinbarung der Großen Koalition zur Familienzusammenführung nicht billigen könne. Sie widerspreche auch dem im Grundgesetz verankerten Schutz der Familie. Nicht nur zahlenmäßig werde der Nachzug von engsten Angehörigen erheblich reglementiert, auch rechtlich schaffe man Hürden, die den Familiennachzug erschweren, so der Abteilungsleiter.

Zu diesem wichtigen Thema sollen sich Kirchen in die öffentliche Debatte einmischen, betonte der evangelische Gemeindepfarrer Michael Mertins. „Haupt- und ehrenamtliche Helfer in der Flüchtlingsarbeit wissen, welchem psychischen Druck hier lebende Geflüchtete ausgesetzt sind, wenn ihre nächsten Verwandten nicht zu ihnen kommen dürfen.“ Eine solche Belastung sei zudem auch dem Ziel der Integration abträglich.

Um gesellschaftlich Fuß zu fassen, brauchen junge Flüchtlinge einen Ausbildungsplatz, betonte Stephan Reichel, Geschäftsführer des Hilfsvereins Matteo. Allerdings verhindere eine unsichere Bleibeperspektive den Weg in den Arbeitsmarkt, so seine Kritik. Als einen „unglaublichen Vorgang“ bezeichnete er es, dass Deutschland Menschen aus Afghanistan wieder in ihre Heimat abschiebe. Die Be­grün­dung, es gebe dort sichere Provinzen, decke sich nicht mit den Berichten der Vereinten Nationen und von Menschen­rechts­organisationen. Ein weiterer Stein des Anstoßes sind aus Sicht von Reichel die großen Sammellager für Flüchtlinge. Solche Unterkünfte „machen krank und verhindern Integration“.

In Dortmund habe man inzwischen ein Stadium erreicht, in dem die Flüchtlinge nach einer Phase zentraler Unterbringung in den einzelnen Wohnquartieren eine Bleibe gefunden haben, berichtete Gehrmann. Da die Menschen aber auch weiterhin Rat und Hilfe brauchen, habe die Stadt gemeinsam mit Wohlfahrtsverbänden begonnen, das Netzwerk „lokal willkommen“ aufzubauen. Haupt- und ehrenamtliche Helfer arbeiten bei der aufsuchenden Hilfe Hand in Hand. Ein dickes Lob zollten Gehrmann und Mertins den vielen freiwilligen Kräften, die sich unermüdlich für die Flüchtlinge engagieren.

Der Kreisvorsitzende der CDU, Steffen Kanitz, rief dazu auf, die Ursachen zu bekämpfen, die Menschen zur Flucht aus ihrer Heimat bewegen. Zudem erinnerte er daran, wie sehr die Länder Osteuropas eine gemeinsame Flüchtlingspolitik der EU verhindern. Allerdings gab Kanitz zu verstehen, dass man Zuwanderung begrenzen solle, berief sich auf das Wort des früheren Bundespräsidenten Joachim Gauck: „Unser Herz ist weit, unsere Möglichkeiten sind endlich.“

Die Redeweise vom „Ausbruch der Flüchtlingskrise“, mit der Kanitz seinen Vortrag begonnen hatte, stieß bei der Vorsitzenden des SPD-Unterbezirks, Nadja Lüders, auf Protest. Weder könne man in diesem Zusammenhang von einem „Ausbruch“ noch von einer „Krise“ sprechen. Das seien populistische Formulierungen.

Margarete Konieczny vom Pastoralverbund Dortmunder Westen warb dafür, Vertrauen aufzubauen und sich in Geduld zu üben, sowohl auf Seiten der Zuwanderer als auch auf Seiten der Einheimischen.

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