Eine lange Liste der Toten

Das Forum der Religionen gedenkt der fast 35 000 Menschen, die auf der Flucht nach Europa starben

Gleichgültig zu bleiben, fällt schwer angesichts der langen Totenrolle, die sich durch die Franziskanerkirche zog.Foto: Flüter

 


Paderborn. Am vergangenen Wochenende sind 170 Menschen im Mittelmeer ertrungen. Der öffentliche Aufschrei wäre groß gewesen, wäre das Kreuzfahrtschiff Aida gesunken. Es handelte sich aber „nur“ um tote Flüchtlinge – 170 weitere Menschen, die auf der Flucht nach Europa starben. Das Forum der Religionen in Paderborn erinnerte jetzt an die vergessenen Toten.

von Karl-Martin Flüter

Wenn man die Namen von fast 35 000 Menschen hintereinander schreibt, ergibt das eine lange Liste. In der Franziskanerkirche musste die Papierbahn in zwei Teile getrennt werden, damit sie in das Kirchenschiff passte. Die beiden Papierbahnen zogen sich längs über die Kirchenbänke, dicht beschrieben mit den Namen der Menschen, die zwischen 1993 und 2018 auf der Flucht nach Europa starben. Genau 34 361 Todesfälle sind auf der Totenrolle erfasst – hinzu kommen die zahllosen Menschen, von deren Tod niemand etwas weiß. Wenn die Namen nicht bekannt sind, erinnerten in der Aufzählung der Todestag und die Todesursache an die gestorbenen Flüchtlinge.

Das Forum der Religionen in Paderborn hatte Mitte Januar die Totenrolle in der Franziskanerkirche ausgebreitet. Das Forum, ein Zusammenschlus von 13 religiösen Gemeinschaften in Paderborn, hatte zu der Gedenkfeier eingeladen, um „jeden einzelnen der Verstorbenen zu würdigen und im Gedenken zu ehren“. Die endlose, weiße Totenrolle zog sich in sachten Wellen über die Kirchenbänke. Vorne, vor dem Altar und der Krippe, stand eine große Gedenkkerze. Jeder Vertreter der Religionen, der während der Gedenkstunde nach vorne trat, befestigte eine Symbol seines Glaubens an der Kerze, die jetzt durch die religiösen Gemeinden Paderborns wandern soll.

Die „Liste der Toten“ wurde von „United“ zusammengestellt, einer europaweit agierenden Organisation, die auch von der EU unterstützt wird. Sie hat nach eigener Auskunft in Zusammenarbeit mit 555 Organisationen in 48 Ländern die 34 361 Namen von gestorbenen Flüchtlingen gesammelt. Der Delbrücker Martin Kolek, der selbst an Rettungsaktionen auf dem Mittelmeer beteiligt war und darüber ein bewegendes Buch geschrieben hat, hatte die Liste nach Paderborn gebracht.

Mit „Hand, Zunge, Herz“ müsse man gegen ein Unrecht wie das Massensterben auf dem Mittelmeer vorgehen, sagte einer der Redner in der Franziskanerkirche. Zu befürchten ist, dass die Gleichgültigkeit angesichts der Toten bleibt. Die Gedenkfeier in der Franziskanerkirche war leider kaum besucht. Dabei hätte die Todesliste auf den Kirchenbänken – eine stille unübersehbare Erinnerung – wahrscheinlich vielen Menschen deutlich gemacht: So darf es einfach nicht weitergehen.

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