Das innere Beten ohne Worte

Seit fast zehn Jahren trifft sich eine Gruppe zur christlichen Meditation im Paderborner Dom

Sie laden weitere Menschen dazu ein, sich der christlichen Meditationsgruppe im Dom anzuschließen (von links): Diether Wegener, Schwester Theresia, Anna Grawe und Dompastor Nils Petrat im Meditationsraum des Michaelsklosters. Foto: Karl-Martin Flüter

 

Paderborn. Am kommenden Mittwoch, 31. Oktober, wird Punkt 12.00 Uhr im Paderborner Dom zum ersten Mal das „Versöhnungsgebet von Coventry“ gebetet. Dazu lädt eine Gruppe ein, die sich seit fast zehn Jahren wöchentlich immer mittwochs im Westchor des Domes zur christlichen Meditation trifft. Dazu sind interessierte Menschen herzlich eingeladen.

Zwei aus der Gruppe, die am kommenden Mittwoch im Dom zusammenkommt, waren schon vor zehn Jahren dabei, als sich die Initiatoren zum ersten Mal trafen. Schwester Theresia aus dem Michaelskloster und der Diakon Diether Wegener hatten sich mehr durch Zufall getroffen und entdeckt, dass sie dasselbe Interesse für die christliche Meditation hegten. Die Ordensfrau hatte schon in den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts die Meditation als spirituelle Technik für sich entdeckt. Diether Wegener war dagegen durch Zufall da­rauf gestoßen. Bei einem Urlaub in Cornwall, England, wurde er Zeuge einer Meditation in einer anglikanischen Kirche. Das ließ ihn nicht los. 
 
Mit einigen Mitstreitern – darunter die Vincentinerin Schwester Ruthhild – war man sich einig, dass der Dom der Ort der gemeinsamen Meditation sein sollte. Sie sprachen bei Dompfarrer Alois Schröder vor. Der stimmte zu und so kam der Kreis Anfang Januar 2009 zum ersten Mal zur Meditation im Westchor des Domes zusammen. 
Schon damals waren es etwa zwölf Teilnehmer, die sich trafen. Viel größer ist der Kreis in den Jahren seitdem nicht geworden. Aber das hat die Gruppe nie zweifeln lassen. Manche von ihnen kommen von weit her, sogar aus Dortmund, um mittwochs im Dom zu meditieren. 
 
Schwester Theresia praktiziert das „innere Beten ohne Worte“ jeden Tag. Das war vor Jahrzehnten nicht selbstverständlich. Heute jedoch hat das Michaelskloster einen eigenen Meditationsraum. Dass man diese Form der Spiritualität in den katholischen Glauben integrieren kann, gehört mittlerweile zum Allgemeingut vieler Orden und Glaubensleute. „Es handelt sich um eine Technik, die tiefere religiöse Erfahrungen ermöglicht“, sagt Schwester There­sia. Sie verweist auf die lange christliche Tradition der Meditation, die bis zu den Kirchenvätern zurückreicht. 
Wie bei jeder Technik gilt es, auch bei der Meditation Grundregeln zu beherzigen. Das wird im Dom deutlich. Vor der Meditation gibt der jeweilige Leiter Erläuterungen. Gerade soll der Körper sein, geerdet, beide Füße sollten fest auf dem Boden stehen. Der Atem ist entscheidend. Ihn zu beruhigen und auf ihn zu achten, ist eine wichtige Regel. Zwanzig Minuten bis zu einer halben Stunde dauert die Meditation. In dieser Zeit sollte der Körper ruhig bleiben. 
 
Meditiert wird über ein „Herzwort“ – ein verkürzter Sinnspruch oder eine Formel aus einem Gebet oder einem religiösen Text. Die Konzen­tration darauf erleichtert es, Gedanken, Ängste, Befürchtungen an sich vorbeiziehen zu lassen. Es gibt Menschen, die dieses Geschehenlassen kaum aushalten. Manche kommen nach dem ersten Mal nicht wieder. Andere arbeiten sich beharrlich an diesen Zustand heran.
Wer länger dabei ist, lernt es, Ablenkungen an sich vorbeigehen zu lassen. Selbst wenn im und am Dom gebaut wird und es laut ist, findet die wöchentliche Meditation statt. Der Mittwoch als fester Termin wurde gewählt, weil dann der Wochenmarkt den Marktplatz vor dem Dom zu einem besonders lebendigen Ort macht. Das Leben in der Welt und der Rückzug im spirituellen Raum sollen sich ergänzen und gegenseitig befruchten.  
Dieser Gedanke leitet auch die Teilnehmer der Gruppe, die am letzten Mittwoch im Monat nach der Meditation mit Kaffee, Tee, Obst und Brötchen die „Geschwister auf der Straße“ aufsuchen. Das sind die Menschen, die sich in der City auf der Straße treffen und oft genug ausgegrenzt und missachtet werden.
 
Für Nils Petrat, seit 2017 Dompastor, ist der Dom der richtige Ort für den „Weg der Stille“, weil die Meditation auf jeden Zweck verzichte und eine gute Ergänzung zu christlichen Formen der Erfahrung sei. Auch er unterstützt wie sein Vorgänger Alois Schröder die Gruppe. Weil er gleichzeitig Studierendenpfarrer in Paderborn ist, kennt er viele junge Menschen, die die Sehnsucht nach Spiritualität in sich tragen. Auch für sie wäre der stille Kreis im Dom ein Ort, an dem sie Erfahrungen machen könnten, die ihnen im Alltag verwehrt bleiben. 
 
Im Dom werden sie bereits erwartet, die Gruppe nimmt gerne weitere Mitglieder auf. Vorbeikommen und geschehen lassen: Einfacher geht es nicht (jeden Mittwoch 12.15 bis 12.45 Uhr im Dom).

 

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