Bitteres Leben

Bild des neuen Heiligen an der Fassade des Peters­domes. Foto: KNA

 

von Claudia Auffenberg
 
Sieben Menschen hat Papst Franziskus am vorletzten Sonntag heiliggesprochen (Der DOM berichtete). In den deutschen Medien tauchten vor allem Schwester Katharina Kaspar und Papst Paul VI. auf, doch weil gerade in Rom die Jugendsynode tagt, lohnt ein Blick auf einen der anderen fünf, nämlich auf Nunzio Sulprizio. Ein junger Italiener, den man beinahe von der „Ehre der Altäre“ herunterholen und in den Arm nehmen möchte, um ihn vor der eigenartigen Verehrung zu schützen, die sein Leiden zu einem bewussten Akt vorbildlicher Frömmigkeit verklärt.
 
Tatsächlich war Nunzio ein vom Leben und der eigenen Familie zu Tode gequältes Kind. So hart muss man das sagen. Geboren wurde er im April 1817 im italienischen Pescosansonesco. Das liegt in den Abruzzen in der Nähe von L’Aquila. Seine Eltern waren einfache Handwerker, der Vater Schuhmacher, die Mutter Spinnerin. Beide starben früh, sodass Nunzio als Sechsjähriger zur Großmutter kam. Sie konnte weder lesen noch schreiben, war aber eine fromme Frau. Die beiden besuchten oft die heilige Messe. Nach zwei Jahren starb sie, sodass Nunzio mit kaum neun Jahren im Haus eines Onkels aufgenommen wurde, in dessen Schmiede er mitarbeiten musste. Dieser Onkel schikanierte und misshandelte den Jungen jahrelang nach allen Regeln der Folterkunst. Bildung oder religiöses Tun waren ihm überflüssiges Getue, Nunzio musste arbeiten und wenn er nicht spurte, schlug der Onkel zu mit dem, was er gerade in der Hand hatte. Irgendwann erkrankte Nunzio an Wundbrand, er wurde arbeitsunfähig, so brachte ihn der Onkel in ein Krankenhaus. Dort kam es zur Begegnung mit dem Oberst Felix Wochinger, ein tieffrommer Mann, der sich des Jungen mit väterlicher Fürsorge annahm. Vo­rübergehend verbesserte sich seine Gesundheit. Und nun, so heißt es, habe er seinerseits Kranke und Leidende getröstest. Offenbar fand er Halt im Leiden Jesu, dem er sich in seiner eigenen Situation besonders nahe fühlte. So jedenfalls verbreitete sich sein Ruf als der eines vorbildlich ergebenen Menschen. Bald darauf erkrankte er an Knochenkrebs. Sein Förderer brachte ihn noch in das Militärhospital von Neapel, wo ihm ein Bein amputiert wurde. Doch am 5. Mai 1836 starb er an den Folgen dieser Operation mit 19 Jahren. Er ruht heute in einem Glassarg in der Kirche San Domenico Soriano in Neapel. 
Papst Paul VI. sprach ihn im Dezember 1963 selig, mit ihm zusammen wurde er nun heiliggesprochen. 
 
Mit dieser Leidensmystik, die den Nunzio in seiner Zeit, im 19. Jahrhundert, am Leben gehalten hat, tut man sich heute schwer. Dass Gott solch ein Leben gut, vielleicht sogar vorbildlich findet, kann und will man nicht glauben. Dass er ihm in der Not nahe war, dass er ihn liebt und trägt, allerdings sehr wohl. Die Frage nach dem „Warum?“ bleibt jedoch.
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