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Überlegungen zu zwei Kunstwerken

Prof. Josef Meyer zu Schlochtern von der Theologischen Fakultät hat mal wieder Kunst in die Paderborner Marktkirche gehängt und man fragt sich: Was ist das?

Diese zwei Bilder des Künstlers Martin Assig hängen noch bis zum 19. Juni in der Paderborner Marktkirche. Was sie zeigen, wird im Text verraten. Foto: Auffenberg

 

von Claudia Auffenberg

Man sieht ein Muster, aber es wirkt unsortiert. Formen und Farben sind aneinandergereiht, sie wiederholen sich. Das Auge springt hin und her und sucht nach einem Rhythmus. Sind die Kästchen zufällig angeordnet oder gibt es etwas, das die Reihenfolge bestimmt? Beide Bilder sind unterschiedlich, aber sie sind einander doch ähnlich. Irgendwas haben sie miteinander zu tun.

Es sind Werke des Künstlers Martin Assig, geboren 1959 in Schwelm, heute lebt er in Berlin. Die Bilder sind in einer besonderen Technik gemalt, nämlich der Enkaustik, eine Malweise, mit der schon die alten Ägypter Mumien mit Porträts versehen haben, also Unsichtbares sichtbar gemacht. Bei der Enkaustik wird die Farbe in heißes Wachs eingerührt und dann aufgetragen, eine ziemlich aufwendige Technik, die aber für langlebige Ergebnisse sorgt.

Verborgenes sichtbar machen, das geht manchmal auch durch Irritation oder durch Verfremdung – so wie hier. Aber eigentlich ist es eine Übersetzung. Der Künstler hat einen Text in ein Bild übersetzt. Denn was die Bilder zeigen, ist jedem Leser, jeder Leserin seit Kindertagen vertraut. Es ist das Vaterunser, aufgeschrieben im internationalen Flaggenalphabet, links in Deutsch, rechts in Englisch. Derselbe Inhalt, dieselben Zeichen und doch ein anderes Bild. Den Unterschied macht der Text, genauer gesagt: die Übersetzung. Und das ist das Thema dieser kleinen Ausstellung, das ist das Anliegen von Prof. Meyer zu Schlochtern. Jesus hat das Vaterunser nicht in Deutsch gelehrt, er hat es nicht einmal aufgeschrieben für seine Leute, sondern es ist zu uns heute in immer wieder neuen Übersetzungen gekommen. Es ist immer wieder übersetzt worden, sonst wäre es längst verloren. Vielleicht müsste man nicht übersetzt sagen, sondern übergesetzt. So wie der Fährmann die Passagiere von einem Ufer zum anderen bringt und ihnen die Weiterreise ermöglicht, so ist das Vaterunser durch die Zeit durch die Sprachen in unsere Zeit in unsere Sprache gekommen. Auch in unser Leben? Diese Übersetzungsarbeit muss jeder für sich leisten.

Hinweis: Am Dienstag, 19. Juni, ist Martin Assig in Paderborn zu Gast. Um 18.00 Uhr gibt es im Kunstsilo der Universität Paderborn ein öffentliches Künstlergespräch mit ihm.

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